Die durchschnittlich gefahrene Geschwindigkeit auf den Straßen im Ortsgebiet ist ein heiß umstrittenes Thema. Während manche unbedingt eine Beschränkung auf 30 km/h im ganzen Ort wünschen, fühlen sich andere selbst mit Tempo 50 eingeschränkt und abgebremst. Diese Diskussionen werden meist sehr emotional und eher nach subjektiven Gesichtspunkten geführt. Deshalb sehen wir es als dringende Aufgabe der Politik, hier streng objektiv die Für und Wider möglicher Tempolimits abzuwägen und gegebenenfalls regulierend tätig zu werden.
Die aktuelle Situation
Im Ort regiert Tempo 50. Zunehmend wird an dieser Regentschaft aber durch viele 30er-Beschränkungen gerüttelt. Dann gibt es noch zusätzlich ein paar mehr oder weniger autonome Tempo-30-Zonen. In diesen wird sogar die eigentlich geltende Rechtsregel von manchen sehr kreativ ausgelegt, es bilden sich sozusagen Hauptstraßen. Aber die Ansässigen wissen, wann sie auf ihren Vorrang besser verzichten und es dürfte sozusagen in Eigenverwaltung relativ gut funktionieren.
All dies ist über Jahrzehnte gewachsen und präsentierte sich wegen mangelhafter und fehlender Dokumentation als fast unüberschaubarer Wildwuchs. Inzwischen wurde das bereinigt und eine Planungsgrundlage geschaffen.
Wie wir alle wissen, ist Ebensee ein Ort der fehlenden Gehsteige. Wir haben zwar gerade in der Langbathstraße einen neuen bekommen, aber selbst dort war eine Durchgängigkeit nicht machbar. Solche wohl nie wieder zu behebenden Mankos sind mit ein Grund, weshalb immer wieder Forderungen nach Tempobeschränkungen auftauchen. Die Menschen wünschen sich mehr Sicherheit für ihre Kinder am Schulweg und generell auch beim Zufußgehen.
Warum also nicht Tempo 30?
Ein gewichtiger Grund ist die Bewilligungspflicht. Die Gemeinde darf nicht eigenmächtig und nach Gutdünken eine Beschränkung auf 30 km/h verordnen. Dafür braucht es eine Überprüfung und Genehmigung durch die Verkehrssachverständigen der Bezirkshauptmannschaft bzw. des Landes. Großflächig hat Tempo 30 in Flächengemeinden wie Ebensee so gut wie keine Chance auf Genehmigung. Wir sind zu wenig städtisch verbaut, haben zu wenig Verkehr, es gehen zu wenig Leute zu Fuß und vieles mehr.
Zusätzlich zum technischen und behördlichen Aspekt gibt es die mangelnde Akzeptanz in der Bevölkerung. Dieses Tempo wird von einer zu hohen Zahl von Menschen als zu langsam empfunden. Innerhalb geschlossener Siedlungen und Tempo-Zonen wird es halbwegs eingehalten, aber sobald die dichte Verbauung endet, ist Schluss mit der Einsicht und es beginnt der Ärger über das Langsamfahren. Es wäre wohl sinnlos und damit auch erfolglos, dies gegen die Bereitschaft und den Willen einer deutlichen Mehrheit in der Bevölkerung durchsetzen zu wollen.
Und nun zu etwas ganz anderem – Tempo 40
Hierfür gibt es bezüglich Verordnungsfähigkeit wesentlich größere Hoffnung. Unsere Nachbarstadt Gmunden darf nun per Entscheid des Landesverwaltungsgerichts tatsächlich ihre Verordnung für Tempo 40 im Ortsgebiet beibehalten. Dies wird für viele Gemeinden, welche diesen Rechtsstreit aufmerksam beobachtet haben, eine durchaus wegweisende Entscheidung sein. Auch für Ebensee wäre damit der Grundstein für eine Anpassung des Tempos im Ort gelegt.
Aktualisierung: Aber Gmunden musste doch wieder zurückrudern? Das hat andere Ursachen, wie zum Beispiel die nicht korrekte Platzierung einiger Ortstafeln. Möglicherweise spielten auch politische Bedenken eine Rolle - wir wissen es nicht. Die Tempobeschränkung selbst war jedoch nicht der Grund.
Mehr Sicherheit mit Tempo 40
Kommen wir also nun endlich zum Wesentlichen: den Vorteilen und Nachteilen von Tempo 40 im Ort.
Ein gravierender Vorteil ist der Zugewinn an Sicherheit für alle außerhalb eines Autos. Vielleicht werden Sie fragen, wo denn der große Unterschied bei lächerlichen 10 km/h auf oder ab, die man beim Autofahren fast gar nicht spürt, ist? Die folgenden Vergleichsbilder zeigen einen solchen. Hier ist der Anhalteweg bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten zu sehen. Wie wir aus der Fahrschule noch wissen, setzt sich dieser aus der ungebremsten Fahrt während der Reaktionszeit (mit realistischen 1,5 Sekunden gerechnet und in den folgenden Bildern in roter Farbe dargestellt) und der tatsächlichen Notbremsung (der grüne Endteil) zusammen.
Häufigster Einwand: die Bremsen des eigenen Autos sind hervorragend. Nützt bei diesen Geschwindigkeiten leider wenig, denn ausschlaggebend ist die Reaktionszeit, welche von gemeinhin viel zu sehr unterschätzt wird. Bilder sagen mehr als viele Worte, schauen wir uns die Unterschiede zur besseren Verdeutlichung in Bildern an.
Länge des Anhaltewegs
Der Anhalteweg ergibt sich aus Reaktionszeit (im Bild rot) und Bremsweg (im Bild grün)
Bei 60 km/h beträgt der Anhalteweg (Reaktionszeit 1,5 Sekunden) zirka 41 Meter
Bei 50 km/h beträgt der Anhalteweg (Reaktionszeit 1,5 Sekunden) zirka 32 Meter
Bei 40 km/h beträgt der Anhalteweg (Reaktionszeit 1,5 Sekunden) zirka 24 Meter
Nächster Einwand: aber das Kind ist doch längst weg, bis ich mit dem Auto dort bin. Kann und wird hoffentlich so sein. Wenn es aber stolpert? Wenn es stehenbleibt und verträumt aufs Handy schaut? Oder wenn es erst 20 Meter später auf der Straße auftaucht? Mit welcher Geschwindigkeit prallt dann das Auto auf das Kind, wenn man mit 60 km/h unterwegs war? Die richtige Antwort: fast ungebremst.
Subjektives Sicherheitsgefühl
Dieses ist nicht so einfach zu berechnen und trotzdem sehr wichtig. Wer zu Fuß oder mit dem Fahrrad am Rand der Straße unterwegs ist, fühlt sich subjektiv umso sicherer, je langsamer die Autos (oft zu knapp) vorbeifahren. Selbst geringe Unterschiede sind spürbar. Geringeres Tempo erhöht also das Sicherheitsgefühl und den Anreiz, sich zu Fuß oder mit dem Fahrrad auf der Straße zu bewegen.
Mehr Ruhe neben der Straße
Besonders für den Teil der Bevölkerung, der neben einer mehr befahrenen Straße wohnt, verringert sich der Lärmpegel spürbar bei Tempo 40. Daraus ergibt sich ein Zugewinn an Lebensqualität für eine ganz erhebliche Anzahl von Menschen im Ort.
Aber der Zeitverlust!!!
Ja, man verliert Zeit. Ja, das ist ein Nachteil. Weil Sie aber mit Sicherheit bereits einen Blick auf die folgenden Bilder geworfen haben, ersparen wir uns das Schätzen-Sie-mal-Spiel. Auf den meisten täglichen Wegen im Ort beträgt der Zeitverlust gegenüber Tempo 50 nicht einmal eine Minute. Jeder Traktor, jede geschlossene Bahnschranke, jedes nicht zu überholende Fahrrad, jedes Anhalten bei einer Kreuzung bedeutet einen höheren Verlust an Zeit. Sollte jemand übrigens mit durchschnittlich 60 km/h unterwegs sein, wird aus dem ersten Beispiel im folgenden Bild ein Zeitverlust von auch nur 1,5 Minuten.
Zeitverlust bei 40 km/h gegenüber 50 km/h
Alle Fahrten nur auf Gemeindestraßen (keine Abkürzung über Bundesstraße!) mit kürzestem Weg.
Finkerleiten zum Strandbad - Zeitverlust = 1,0 Minuten
Schuhfabrik zum Bahnhof Ebensee - Zeitverlust = 0,8 Minuten
Roitherwirt zum Gemeindeamt - Zeitverlust = 0,7 Minuten
Hochäuser Schwaigerweg zum Billa-Supermarkt - Zeitverlust = 0,6 Minuten
FF Rindbach zum Fachmarktzentrum - Zeitverlust = 0,5 Minuten
ASKÖ Sportplatz zum Gemeindeamt - Zeitverlust = 0,4 Minuten
Schulzentrum zum Fachmarktzentrum - Zeitverlust = 0,2 Minuten
Aber es fühlt sich so langsam an!!
Richtig, es fühlt sich so an. Das menschliche Gehirn kann Geschwindigkeit nicht objektiv schätzen. Es bastelt seine Einschätzung aus Gewohnheit und Vergleich zusammen. Deshalb fühlen sich 70 km/h wie Schrittgeschwindigkeit an, wenn man vorher zwei Stunden mit 130 km/h auf der Autobahn unterwegs war. Ebenso fühlt sich Tempo 40 im Vergleich zum gewohnten 50er in gewohnter Umgebung viel langsamer an, als es wirklich ist. Es ist also eine reine Gewohnheitssache und ein Gefühl, dass uns unser Gehirn vorgaukelt.
Bei Sicherheit wurde bereits die Frage erwähnt, was ein Unterschied von 10 km/h, „den man im Auto kaum spürt“, ausmachen soll. Oder der Strafzettel aus Bad Ischl, weil man „ohne es zu merken“ 40 statt 30 gefahren ist. Einerseits ist es also kaum zu spüren, andererseits verdirbt es die Freude am Autofahren. Bemerken Sie den Widerspruch?
Ist doch ohne Kontrolle nichts wert!?
Die weitaus überwiegende Mehrheit hält sich durchaus an ein akzeptiertes Tempolimit. Inzwischen gibt es auch für Gemeinden ohne Ortspolizei Möglichkeiten für Kontrollen. Das darf man also beruhigt als gelöst abhaken. Kontrollen und die sich daraus ergebenden Strafen sind übrigens keine Abzocke, wie man immer wieder hört und liest. Abzocke wäre es, wenn dem Großteil der sich an die Regeln haltenden Bevölkerung gemeine und nicht vorhersehbare Fallen gestellt würden.
Tempo 40 – Ja oder Nein?
Unsere Antwort ist ein klares und deutliches JA. Der Nachteil des Zeitverlustes bewegt sich im marginalen und nur theoretischen Bereich, alles andere ist Gewohnheit. Die Vorteile sind teils messbar und überwiegen bei weitem. Somit zeigt sich Tempo 40 tatsächlich als der goldene Mittelweg, mit dem die Mehrheit vermutlich gut leben könnte.


